Ralf Gulde und Marc Tuscher, Alumni der Universität Stuttgart, machen Greifarmroboter mit einem eigens entwickelten KI-Modell zu cleveren Helfern in Lager- und Produktionshallen. Anders als bisherige Modelle, lernt es mit echten Daten. 2021 gründeten die beiden das Start-up sereact, haben mittlerweile mehr als eine Milliarde Bewegungsdatensätze gesammelt und ein einzigartiges neuronales Netzwerk geschaffen. Es verleiht Robotern die Fähigkeit, vorausschauend zu planen und zu handeln – und das ohne Training. Mit einem Funding von 110 Millionen US-Dollar wollen die Gründer nun in die USA expandieren und ihre Technologie für das Gesundheitswesen optimieren.
Das Stuttgarter Start-up sereact stellt mit seinem KI-Modell Cortex 2.0 die Robotik-Branche auf den Kopf. „Wir bauen keine Roboter, wir geben ihnen ein Gehirn“, sagt Ralf Gulde. Gemeinsam mit seinem Gründungspartner Marc Tuscher bringt er Robotern bei, vorausschauend zu denken und zu planen, ehe sie handeln.
„Bislang haben wir in der Robotik nur künstlich generierte Daten und Simulationen zur Verfügung, die die echte Welt nicht 1:1 abbilden. Und genau das führt dann dazu, dass Roboter nicht effizient genug sind“, erklärt Gulde. „Wir trainieren unser KI-Modell mit echten Daten, das macht den Unterschied.“
Weltweit größtes und smartestes Robotergehirn
KI-Modelle von sereact sind bereits seit drei Jahren bei Kunden im Einsatz. Nicht nur bei Automobilbauern wie Mercedes-Benz oder BMW, sondern auch bei großen Mode-Versandhäusern oder Online-Supermarktketten wie Knuspr.de. Sie lernen in realen Umgebungen echte Probleme zu lösen, sortieren Bauteile oder prüfen Retouren. Die Installation ist einfach: Innerhalb nur weniger Stunden ist ein Greifarmroboter einsatzbereit, sogar unbekannte Aufgaben kann er lösen – und das ohne Training.
Mehr als eine Milliarde Bewegungsdatensätze hat sereact bereits gesammelt und in ein weltweit einzigartiges neuronales Netzwerk – ein „Robotergehirn“ – überführt. „Wir haben mittlerweile die größte KI-Robotik-Flotte weltweit, die an ein zentralisiertes neuronales Netzwerk angebunden ist“, sagt Gulde. Mit dem Update auf Cortex 2.0 und einem neu entwickelten World Model haben die Gründer eines der größten Probleme in der Robotik gelöst: Sie geben Robotern ein reales Verständnis der Welt und der Konsequenzen ihres Handelns. „Roboter, die an unser neuronales Netzwerk angebunden sind, lernen mit jeder Bewegung dazu. Mit Cortex 2.0 können sie vorausschauend planen und handeln.“
Nach der Gründung weiter auf Erfolgskurs
Die beiden Alumni der Universität Stuttgart haben sereact 2021 gegründet. Heute, fünf Jahre später, haben sie mehr als 100 Mitarbeiter*innen in Europa und in den USA. „Ralf und Marc haben ein Problem erkannt und sich getraut, in einer der meist umkämpften Branchen ein Start-up zu gründen“, sagt Professor Alexander Brem, Prorektor für Transfer und Internationales der Universität Stuttgart. „Start-ups wie sereact zeigen, dass wir in der Stuttgarter Region hervorragende Möglichkeiten haben, aus einer Idee einzigartige Innovationen zu schaffen.“
„Die Universität Stuttgart bietet wirklich hervorragende Technologietransfers. Ohne diese Unterstützung, gäbe es uns heute nicht“, bekräftigt Gulde. Er und sein Co-Gründer wollen anderen Mut machen, den Schritt zum eigenen Unternehmen zu wagen. „Wir würden diesen Weg jederzeit wieder gehen.“
Von der Produktionshalle in Krankenhäuser
Heute erzielen die beiden Gründer einen jährlichen Umsatz in Millionenhöhe. Kürzlich haben sie ein Funding über 110 Millionen US-Dollar von mehreren Venture Capital Gesellschaften eingeworben. Die Mittel sollen in die Weiterentwicklung ihrer Technologie fließen. „Wir wollen uns von den einfachen zu den wirklichen komplexen Use Cases vorarbeiten“, sagt Gulde.
Die Gründer wollen ihrem KI-Modell beibringen, in noch unvorhersehbareren Umgebungen zu agieren, zum Beispiel in Krankenhäusern oder Laboren. Erste Feldstudien mit humanoiden Robotern in der Pflege laufen bereits.
Nächster Halt – Boston
Mit dem Funding wollen die Gründer außerdem die Expansion auf den US-Markt finanzieren. In Boston, einem der stärksten Robotik-Hubs in den USA, haben Gulde und Tuscher vor einigen Monaten Büroräume gemietet und erste Mitarbeitende eingestellt. „Wir glauben, dass wir dort zu den spannendsten Start-ups gehören und tolle Talente gewinnen können“, sagt Gulde. Dreh- und Angelpunkt aber bleibe Stuttgart.
Wissens- und Technologietransfer an der Universität Stuttgart
Das Transfercenter TRACES ist die zentrale Anlaufstelle der Universität Stuttgart für Forschungs- und Wissenstransfer. In Kooperation mit dem Institut für Entrepreneurship und Innovationsforschung (ENI), der Technologie-Transfer-Initiative TTI GmbH und dem Dezernat 1 -Forschung und Transfer bildet das TRACES ein innovatives Transfer- und Gründungsökosystem für Gründerinnen und Gründer. Es begleitet und berät von der Idee bis zur Ausgründung. Mit einem vielfältigen Angebot von Lehrveranstaltungen, Gründungscoachings sowie Beratungen zu Anträgen, Förderprogrammen oder Patenten und Schutzrechten unterstützt die Universität Stuttgart Gründungsvorhaben von Studierenden und Mitarbeitenden. Mit fantastischem Erfindergeist gelingt der Universität Stuttgart regelmäßig der Sprung in die Top 10 der deutschen Universitäten mit den meisten Patentanmeldungen pro Jahr. Der „Entrepreneurship“-Newsletter des ENI informiert zweimal im Monat über aktuelle Neuigkeiten, Veranstaltungen und Wettbewerbe im Startup-Ökosystem.
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Jacqueline Gehrke
Onlineredakteurin